Armin Muftic: “Muslime wären froh über volle Kirchen” …
VON BERTRAM KARL STEINER
Ein freundliches, mitteleuropäisch vertrautes Antlitz des Islam in Tagen, da sich antiislamische Hysterien und Hetztiraden mancher Politiker im Lande immer schriller bemerkbar machen. Wir sitzen mit Armin Muftic, dem in Klagenfurt wirkenden Imam, und seiner Frau Lejla (feiner Kärntner Akzent) in der winzigen Moschee auf weichen Teppichen und trinken Kafee. Traditionelle erste “Zeitgeist”-Frage:
Wie wird man, was man ist?
Armin Muftic: Ich bin in Tuzla in Bosnien geboren, noch vor dem Krieg in Jugoslawien. So war ich gewissermaßen der “letzte Pionier Titos”. Der Krieg war dann in vollem Gange, als ich in der Volksschule und in der Hauptschule war. Wir lernten unter Granatenbeschuss, oft im Keller, die Sirenen heulten. 1997 habe ich mit meinem Vater gesprochen, wofür ich mich entscheiden würde; er meinte, das sei meine Entscheidung. Also gingen wir die verschiedenen Möglichkeiten durch. Er erwähnte die Medresa, die islamische Schule. Sie war unter Tito 1946 geschlossen worden, 1993 wurde sie wieder eröffnet.
Lag Ihre Entscheidung denn in einer Familientradition?
Muftic: Ich komme aus einer adeligen bosnischen Familie des früheren Osmanischen Reiches. Unsere Vorfahren waren die Ghazis, also etwa die Grafen der Stadt Ofen, heute Buda, als Ungarn unter osmanischer Herrschaft stand. Nach den Siegen des Prinzen Eugen in den letzten Türkenkriegen musste meine Familie zurück nach Bosnien, wir bekamen vom Sultan einen Landbesitz in Gracanica geschenkt, im Umfang von halb Kärnten. Mein Urgroßvater war der Mufti des Sandschak, daher auch unser Familienname Muftic. Er hat dann bei einigen als “Verräter” gegolten, weil er dafür war, im Jahr 1878 die österreichische Armee nach Bosnien zu lassen. Er meinte: Wir müssen dafür kämpfen, dass die Österreicher kommen, sonst würde Bosnien zwischen Serben und Kroaten aufgeteilt werden. Die Österreicher haben ihn als Mufti bestätigt. Mein Großvater kämpfte bei den Bosniaken, dem österreichischen Eliteregiment in Südtirol, und erhielt dafür von Kaiser Franz Joseph die Tapferkeitsmedaille. Als dann Hitler einmarschierte, ging mein Großvater zu den Partisanen; er kam dafür nach Deutschland ins KZ. Und mein Vater war in der Armee Bosnien-Herzegowinas im Unabhängigkeitskrieg. Österreich sind wir zutiefst verbunden. Wenn Österreich - diese Hochburg der Menschlichkeit und der Freiheit - angegriffen würde, dann wäre das für mich Grund für einen Dschihad, für einen heiligen Krieg. Aber Österreich ist ja in der EU, und wir haben nichts zu befürchten …
Wie war Ihre Ausbildung in der Medresa?
Muftic: Es gab eine strenge Disziplin bei unserer Ausbildung zum Imam, Prediger und Religionslehrer. Großer Wert wird auf Sprachen gelegt: Wir lernten Arabisch, Türkisch, Latein und Englisch. Daneben und danach habe ich Soziologie und politische Wissenschaften studiert, zuerst in Sarajevo und dann in Wien. Jetzt studiere ich Pädagogik an der Uni Klagenfurt so wie meine Frau Lejla Philosophie, sie ist österreichische Staatsbürgerin. Lejla kommt aus Zvornik und ist in Kärnten in die Schule gegangen.
Ihre Erinnerungen an den bosnischen Lebensstil …
Muftic: Sogar in den schlimmsten Zeiten des Krieges sind in Tuzla der Imam, der orthodoxe Pfarrer und der katholische Priester Tag für Tag beim Kaffee gesessen. Der Kommandant der bosnischen Armee war Kroate, sein Stellvertreter Serbe …
Wie kamen Sie nach Kärnten?
Muftic: Zuerst war ich in Wien als Imam tätig, dann wurde ich nach Klagenfurt entsandt, zur Betreuung der hiesigen Muslime. Ich arbeite im Verein für Interreligiösen Dialog “LILIE”. Wir, das sind 53 Personen, haben herzliche Kontakte etwa zu Bischof Alois Schwarz, der auch schon bei uns gewesen ist.
Derzeit wird viel über die antiislamischen Äußerungen einer Politikerin gesprochen …
Muftic: Was sie sagte, entspricht keinem angemessenen Benehmen. Dass Muslime kritisch betrachtet werden, ist gut - aber nicht mit Hass. Wir wollen nicht missionieren. Wir wären froh, wenn die Kirchen voll wären …
Quelle: Neue Kärntner Tageszeitung, Ausgabe von 19. Januar 2008 ( http://www.ktz.at/wm_frameset.php )
